RAUM UND GRENZEN
„If nature had been comfortable mankind would never have invented architecture.” Oscar Wilde
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NATÜRLICHER RAUM UND KÜNSTLICHER RAUM
Bei der Betrachtung des architektonischen Raumes stößt man an das Problem, diesen weder konkret in eine „Raum-Hierarchie“ einordnen, noch von anderen Räumen tatsächlich abgrenzen zu können.
Immer steht er in Zusammenhang mit anderen Räumen. Er kann sich als Inhalt in ihnen befinden, wie zum Beispiel im natürlichen Raum, also der Natur. Er kann aber auch als Rahmen umgeben und so andere in der Hierarchie untergestellte Raumarten oder weitere Unterarten des architektonischen Raumes aufnehmen. Ebenso ist es möglich, dass er sich mit ihnen verschränkt. 
Aneinandergereihte architektonische Räume können verbunden werden und so eine Einheit bilden, in letzter Instanz den öffentlichen Raum. 

Wo hört architektonischer Raum auf, wo fängt er an? Bezüglich dieser Fragestellung spielt die Schnittstelle zur Natur bzw. zum natürlichen Raum eine große Rolle, da architektonischer Raum durch Abspaltung von diesem entsteht. Die Architektur charakterisiert die Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Natur2.
„Der gestaltete Raum hat mit der Natur gemeinsam, dass er die Rolle des Gesamtumgebenden für den Nutzer übernimmt. Er ist jedoch zugleich die vollständige Antithese zur Natur, da er durchweg menschengemacht ist“
3. In diesem Zusammenhang setzt der Gegenstand der Planung als künstliche Entwicklung von Räumen im Gegensatz zum naturbelassenen Raum ein. Dabei werden zufällige Vorgänge in der Natur von Handlungen als Vollzug von Intentionen unterschieden4.

 

An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage, ob architektonischer Raum nicht durchaus auch als natürlich bezeichnet werden kann, da der naturgebundene Mensch ihn mit Mitteln entwickelt, die sich in der Natur befinden. Dieses Problem der Definition führt zu der These Toyo Itos, dass die Stadt, die er mit einem Wald vergleicht, die zweite Natur ist5. Auch in einer künstlichen Umwelt, die jedoch in Verbindung mit der Natur steht und gleichzeitig aus dieser resultiert, bleibt für ihn das Ideal einer in die zweite Natur integrierten Architektur bestehen, die als „Verwirbelung des urbanen Flusses“ fungiert. So ist das Gebäude nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als ein definierter Raum ohne Zentrum, ohne Anfang oder Ende, lediglich als ein „Intervall im Unendlichen“6 zu sehen.

HÜLLE ALS GRENZE DES VOLUMENS

Die Entwicklung von architektonischem Raum steht in engem Zusammenhang mit der Frage nach dem Umgang mit seinen Grenzen. Er wird dadurch geschaffen, dass die Architektur ihn umschließt, teilt, begrenzt. Gleichzeitig muss sie ihn aber auch öffnen, verbinden, entgrenzen. Das Verhältnis von Öffnung zu Schließung, von Begrenzung und Entgrenzung ist ein Gestaltungsmittel und auch ein Gestaltungsziel von Architektur7, zeigt aber gleichzeitig die Ambivalenz des Themas der Grenze auf. 
Der architektonische Raum wird also auch durch seine Hülle definiert. Diese grenzt ihn jedoch nicht nur als Schnittstelle zwischen Innen und Außen ab, sondern formuliert zugleich ein Volumen im Inneren, den Innenraum als Sphäre und somit den eigentlichen Handlungs- und Erlebnisraum für den Menschen
8. Hier wird deutlich, dass die Ausbildung der Grenzen nicht nur funktionale Auswirkungen auf den Raum hat.  

 

RAUM UND KÖRPER, AUFGABE DES ARCHITEKTONISCHEN RAUMES
Der architektonische Raum dient dem Menschen als Funktionsträger. In erster Linie bietet er ihm Schutz, in der heutigen Zeit jedoch auch Komfort. Außerdem muss er je nach Nutzung das zugehörige Programm beinhalten, stützen und somit den funktionalen Ansprüchen genügen. 
Der architektonische Raum stellt jedoch in gleichwertiger Form die umfassende Situation
9  für den Menschen als Individuum dar und beeinflusst somit das physische und psychische Empfinden des Körpers. Die Raumwirkung und folglich die Wahrnehmung eines Raumes setzt sich zusammen aus einem physischen und phänomenologischen Teil. 
Hierbei wird die Objektwelt mit der Subjektwelt verknüpft
10. Die Wahrnehmung ist das Resultat unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen, die zu einem Gesamteindruck zusammenfließen, dem momentanen Empfindungszustand, der bewussten Verarbeitung und dem Rückgriff auf die Erfahrung des Individuums. In dieser Zusammensetzung begründet sich die unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation des gleichen Raumes durch unterschiedliche Menschen.

Yes Space.

Die Öffnung der Schachtel

Inhaltsverzeichnis der theoretischen Ausarbeitung:

RAUM UND GRENZEN    
Natürlicher Raum und künstlicher Raum
Hülle als Grenze des Volumens
Raum und Körper

TOYO ITO: „Reality is dynamic, not static”
Ausstellung
“Blurring Architecture”
Sendai Mediathéquè
Serpentine Gallery Pavillon
Metropolitan Opera House

„BLURRING“
Fließen und Bewegung
Umsetzungspotential

1 Wilde, Oscar: The Decay of Lying, New York, 1905
2 Hassenewert, Frank: Untersuchungen zu Raum 
3 Sloterdijk, Peter: Architektur als Immersionskunst in: Arch+ 178/2006 Die Produktion von Präsenz
4 Schwarte, Ludger: Die Architektur des öffentlichen Raumes, in: Wolkenkuckucksheim Nov.2004
5 Ito, Toyo: Tarzans in the Media Forest in: 2G Toyo Ito, 1997
6 Knebel, Nikolaus: Der Mensch und seine Behausung im elektronischen Zeitalter: Die Mediathek in Sendai in: Baumeister 06/2001
7 Rambow, Riklef und Honke: Grenzen der Entgrenzung: Architektur, Musik, Drogen in: Wolkenkuckucksheim Nov.2004
8 Meisenheimer, Wolfgang: Das Denken des Leibes und der architektonische Raum, Köln 2004
9 Janson, Alban: Experimentelle Besessenheit
10 Meisenheimer, Wolfgang: Das Denken des Leibes und der architektonische Raum, Köln 2004